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| | Dr. Sybilla Blasczyk-Schiep Einführung Der suizidale Zustand ist mit einer sich stets verengenden Wahrnehmung der Lebenswelt und rigiden Handlungsoptionen gekoppelt und geprägt von so genanntem „Seelenschmerz“, und dem Empfinden von Sinnlosigkeit der eigenen Existenz. Dieser Zustand fordert gerade im Kindes- und Jugendalter Überlegungen zu besonderen Bewältigungsstrategien heraus. Durch die Fortschritte der experimentellen Psychologie und der Neurobiologie ist heute eine Funktionsanalyse persönlichkeitspsychologischer Determinanten von Suizidalität möglich, wie sie noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Die neurobiologische Forschung zeigt, dass Menschen während suizidaler Zustände den Zugang zu den vorderen Regionen der rechten Hemisphäre verloren haben und immer einseitiger auf die Verarbeitung der linken Hemisphäre reduziert sind (die rechte Hemisphäre kollabiert unter dem emotionalen Stress). „Die Person mit Tunnelblick lebt in einer sich stets verengenden Welt mit immer weniger verfügbaren Handlungsoptionen.“ (Weinberg, 2000). In diesem Sinne sind die Schwierigkeiten im Bereich der Selbstwahrnehmung, der Affektregulation und des starken Verlustes an Lebenssinn der suizidgefährdeten Menschen Folge einer verminderten Fähigkeit die Realität in einer polysemantischen Weise zu sehen, welche als eine Funktion der rechten Hemisphäre zu verstehen ist. Die rechte Hemisphäre ist nicht nur für die Selbstwahrnehmung, sondern auch für das polysemantische (sinnstiftende) Erleben unverzichtbar (Rotenberg, 1999). Die linkshemisphärische Verarbeitung hat kein kreatives Potential, ist nicht in der Lage die Realität in polysemantischer Weise wahrzunehmen, kann Mehrdeutigkeit nicht ertragen und sucht eindeutige Lösungen. Die neurobiologische Suizidforschung stellt fest, dass während eines suizidalen Zustandes, bevor es zu einem Suizidversuch kommt, die Prozesse des Selbst als rechtshemisphärische Funktionen stark beeinträchtigt sind. Diese neurobiologischen Befunde inspirieren zur Erforschung persönlichkeitspsychologischer Determinanten der Suizidalität, unter anderem einer umfassenden Funktionsanalyse des Selbst. Es geht um eine Erfassung solcher Kompetenzen des Selbst, welche besonders effizient gegen das Suizidrisiko wirken. Anderseits wird gefragt, warum Stress oder reduzierte Selbstwahrnehmung zu dieser suizidgefährdenden, einseitigen Aktivierung der linken Hemisphäre führt. Wie kann man psychologisch diese verschiedenen Selbstfunktionen stärken und dadurch die rechtshemisphärische Aktivierung bei den suizidalen Personen fördern? Die empirische Untersuchung der Selbstfunktionen wird durch die Anwendung eines Selbstbeurteilungsinventars zur Messung von Funktionskomponenten des Selbst erfolgen. Dieses Selbststeuerungsinventar (SSI-K) hat seine theoretische Grundlage in der PSI-Theorie (Persönlichkeits-Stil-Interaktionen) von Kuhl (1994, 2000, 2001). Selbststeuerung kann als die Fähigkeit definiert werden, Entscheidungen zu treffen, eigene Ziele zu bilden und sie gegen innere und äußere Widerstände umzusetzen (Kuhl, 1983, 1998, 2001). Zur Definition des suizidalen Verhaltens gibt es viele Kontroversen, besonders wenn es um die bewusste Absicht zur Selbsttötung geht oder bewusste Einschätzung der Tödlichkeit der verwendeten Mittel. In dieser Arbeit wird die Definition von Stengel (1964/1969, 1975) übernommen, der unter dem Begriff Selbstmord Folgendes versteht: Einen Selbstmord begeht der Mensch, der eine Absicht hat sein Leben zu beenden, nachdem er vorher die beste Methode ausgewählt hat und sich vergewissert hat, dass ihn keiner dabei behindern könnte. Nach Stengel (1975) „... ein Selbstmord ist ein bewusster Akt der Selbstschädigung und die Person, welche diesen Akt begeht, ist dabei nicht sicher, ob sie überleben wird“. Die bewusste Absicht zur Selbsttötung unterscheidet den ernsthaften Suizidversuch von dem nicht ernsthaften Suizidversuch, d.h. einem Parasuizid. Parasuizidale Personen, sind sich bei ihrem Suizidversuch auch in der Hitze des Moments bewusst, dass sie das Einnehmen eines Mittels in Überdosis überleben werden (Kessel, 1965). Das suizidale Verhalten umfasst drei Kategorien (Wekstein, 1979). Vollendeter Suizid bedeutet Tod durch einen sich selbst zugefügten, lebensbedrohenden Akt. Suizidversuch ist jeder Akt mit lebensbedrohlichem Potenzial, auch jede derartige Absicht, aber ohne Todesfolge. Schließlich sind Suizidgedanken als verbale und nichtverbale Anzeichen zu verstehen, die direkt oder indirekt anzeigen, dass eine Person sich mit Selbstmordideen beschäftigt. Alle diese suizidalen Handlungen sind nicht im Sinne einer eigentlichen psychiatrischen Diagnose verwendet. In den psychiatrischen Klassifikationen der Krankheiten gibt es keine Diagnosezuordnungen für suizidale Handlungen oder Symptome der Suizidaltät. Gemäß der derzeitigen Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10), ist die Symptomatik einer Suizidalität nicht pathognomisch, sondern nur fakultativ in einer Zuordnung zu einer bestimmten klinisch–psychiatrischen Syndromdiagnose definiert (z.B. Depressivität, Belastungs- oder Anpassungsreaktion als Leitsymptom). Die Anpassungsreaktion stellte die häufigste Syptomdiagnose bei den suizidalen Probanden dieser Studien dar, welche lediglich Personen ohne psychiatrischen Störungen betrifft. Die nicht–pathognomische Erfassung der Suizidalität erfordert damit eine genaue persönlichkeitspsychologische Diagnose, da ihre Symptome als Ziel einer therapeutischen Intervention verstanden werden sollen. Die persönlichkeitspsychologische Auffassung konzentriert sich auf verschiedene u.a. kognitive, motivationale und emotionale Determinanten der Suizidalität. Die Analyse dieser Determinanten wird in dieser Arbeit durch Untersuchung der subjektiven Stimmung, Selbststeuerungsfunktionen, Persönlichkeitsstile, sowie der Einschätzung von Suizidalität mittels verschiedener Testverfahren erfolgen. Persönlichkeitsstile und –Störungen, welche in extremen Fällen bestimmte Defizite im Bereich der Selbstorganisation anzeigen, bei einer suizidalen Handlung ebenso dürften eine wichtige Rolle spielen. Im Adoleszenzalter, wenn die Persönlichkeit sich noch in einer Entwicklungsphase befindet, ist es nicht angebracht, von einer Persönlichkeitsstörung sprechen, sondern von erkennbaren Persönlichkeitsstilen bzw. von Überspitzungen der Persönlichkeitsstile. Klinische Erfahrungen weisen darauf hin, dass gerade ein ausgeprägter, depressiver zusammen mit einem antisozialen Persönlichkeitsstil ein häufiges Suizidrisiko bei Jugendlichen darstellt. Eine weitere Frage an dieser Stelle ist, ob es noch andere Persönlichkeitsstile gibt, die bei den suizidalen Jugendlichen mehr ausgeprägt sind als bei den nicht suizidalen. Zur empirischen Überprüfung dieser Annahmen wird das von Kuhl und Kazén (1997) entwickelte Persönlichkeits-Stil und –Störungsinventar (PSSI-K) angewendet. Zur empirischen Einschätzung der Suizidalität wurden zwei verschiedene Testverfahren benutzt. Das erste Verfahren, „Reasons for Living Inventory“ ins Deutsche übersetzt als Lebenssinninventar, misst positive, adaptive Attribute und Erlebnisse (z.B. Lebenssinn, Selbsteffizienz), welche die nicht-suizidalen Personen charakterisieren und den suizidalen fehlen und deshalb das Suizidrisiko erfassen (Linehan et al., 1983). Das zweite Verfahren, der sehr häufig im klinischen Bereich angewendeter Rorschach-Test mit einem Suizidindex für Adoleszente, soll vor allem die impliziten persönlichkeitsspezifischen Suizidkomponenten messen (z.B. niedrige Affektregulation, impulsive Angst, Aggressivität und ihre Wendung gegen die eigene Person). Das Interesse der vorliegenden Arbeit gilt der systematischen Untersuchung der Personen mit suizidalen Handlungen (nach einem ernsthaften Suizidversuch, nach Parasuizid und mit Suizidgedanken) und der persönlichkeitsspezifischen Variablen, welche die Neigung zur Suizidalität beeinflussen. Neigung zur Suizidalität wird neurobiologisch durch eine einseitige Aktivierung (Dominanz) der linken Hemisphäre verursacht. Die damit verbundenen Störungen der Selbstwahrnehmung und der polysemantischen Realitätswahrnehmung werden phänomenologisch analysiert und empirisch durch die oben genannten Fragebögen von Kuhl überprüft. Die angenommenen Mechanismen wie geschwächte Selbststeuerungskompetenzen (z.B. niedrige Selbstbestimmung, Selbstmotivierung) und erhöhter Alltagsstress (Belastung und Bedrohung) die den Zugang zum Selbst erschweren und dem suizidalen Verhalten zugrunde liegen sollen, werden einer weiteren Prüfung unterzogen. Die Auswirkungen einer selbstregulierten Bewältigung von Alltagsstress wurden durch eine Pfadanalyse überprüft. Die Wirkung von Stress auf die rechtshemisphärische Selbststeuerungskompetenzen (u.a. Selbstbestimmung) vs. linkshemisphärische (Zielvergegenwärtigung) und Suizidalität als Zielvariable wurden auf einer möglichst breiten Ebene untersucht und analysiert, um weitere Bestimmungspunkte für die suizidgefährdende Dominanz der linken Hemisphäre zu erhalten. Die Tendenz zu Affektkonfundierung der suizidalen Personen und Hemmung des Selbstzugangs bei starker Aktivierung des Intentionsgedächtnisses wird als psychologische Folge der hemisphärischen Asymmetrie der suizidgefährdeten Menschen diskutiert. Es wurden außerdem Möglichkeiten der Selbststärkung und ihr Einfluss auf eine Verbesserung der Affektlage bei suizidalen Personen überprüft. Ferner wird der Einfluss von Persönlichkeitsstilen, Depressivität und impliziter Affektivität auf die Suizidalität diskutiert sowie die Rolle des Bewusstseins bei der Entstehung unterschiedlicher Suizidphänomene. Die vorliegende Arbeit beinhaltet im empirischen Teil biographische Aussagen einiger Versuchspersonen, die zu einer phänomenologischen (hermeneutischen) Analyse der persönlichen Erfahrungen benutzt werden. Die Analyse der persönlichen Erlebnisse und der Befunde interdisziplinärer Forschungsarbeiten folgt der holistischen Auffassung von Suizidalität (Weinberg, 2000), in dem Sinne, dass ein suizidaler Zustand nicht ohne umfassende Analyse von verschiedenen neurobiologischen, neurochemischen, kognitiven, emotionalen u.a. Komponenten verstanden werden kann. aus: Selbststeuerung und Suizidrisiko. Persönlichkeitsspezifische Antezedenzien der Suizidalität, erschienen bei Peter Lang |
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